Eine Begegnung mit Robert Habeck. Und das seltsame Phänomen, wenn ein Text etwas weiß, bevor es geschieht: Ein Abend, der antwortet. Auf etwas, das noch keinen Namen trug.
Ich wusste nicht, dass er es sagen würde. Er wusste nicht, dass ich das geschrieben hatte. Und doch war es da. In seinen Worten. In meinem Text. Als hätten wir beide dieselbe Richtung gespürt.
Es gab keinen offiziellen Rahmen. Keinen Signiertisch, kein Licht, keine Unterschrift. Nur den Ausklang eines Abends und das offene Ende eines Gedankens.
23:17 Uhr, Flora, Köln. phil.cologne.
Ich stand draußen. Ein Zug an der Zigarette. In meiner Tasche lag das Heft mit dem Text, den ich für ihn geschrieben hatte: Govinda spricht. Eine politische Meditation über Sehnsucht, Macht und Zärtlichkeit.
Dann fuhr die schwarze Limousine vor. Und ich wusste: Wenn nicht jetzt, dann nie.
Er kam. Kein politischer Tross. Nur zwei Bodyguards. Und ein offener Blick.
Er nahm sich Zeit. Für jede*n. Und zuletzt: für mich.
Ich sagte: Robert, ich habe noch was für dich. Meine Antwort auf den Lärm. Deine Sprache hat mich eingeladen. Dies ist mein Dank. An den Politiker und noch mehr an den Menschen, der durchgehalten hat.
Ich reichte ihm den Text. Als Dank. Ich wollte ihn daran erinnern, dass Sprache noch wirken kann, wenn sie es ernst meint.
Er strahlte. Berührbar trotz aller Schutzgesten. Seine Hand auf meinem Arm. Nicht dominant, nur präsent. Er sagte: Vielen, vielen, vielen Dank. Ich nur: Pass auf dich auf. Und ging.
Drinnen auf der Bühne hatte er über Paul Celan gesprochen. Den Dichter der Sprachreste. Der aus Trümmern neue Wahrheiten formte. Von Verwundbarkeit. Von Räumen, in denen nicht sofort geurteilt wird und noch gehofft werden darf.
Ich hörte zu. Mit offenem Mund. Denn ich hatte es längst geschrieben. Bevor ich wusste, dass er es sagen würde.
„Zärtlichkeit ist die radikalste Form von Macht, wenn sie aus Wahrheit kommt.“
„Gedanken, die nicht in Talkshow-Minuten passen.“
„Ein Gedicht an eine Möglichkeit.“
Es war Resonanz.
Vielleicht ist es das, was bleibt. Kein Autogramm. Kein Foto. Stattdessen ein Moment, in dem zwei Sprachen dieselbe Stille hörten und dieselbe Hoffnung weitertrugen, in unterschiedlichen Worten.
In diesem Moment habe ich erkannt, dass politische Sprache noch nicht tot ist. Sie stirbt an Sprachlosigkeit. Und sie lebt dort, wo jemand es wagt, verletzlich zu sprechen: gegen den Lärm, gegen die Zyniker, gegen das Geschäft mit der Vereinfachung.
Politik beginnt nicht erst im Parlament. Sie beginnt, wenn ein Satz in einem anderen Menschen nachhallt. So tief, dass niemand mehr weiß, wer ihn zuerst gedacht hat. Das ist kein Echo. Es ist Ursprung. Und Ursprung entsteht immer gemeinsam.
Vielleicht gilt, was schon die Gita sagte: Wahrheit entsteht in geteiltem Denken. Politik ist dann diese gemeinsame Erinnerung an das, was wir noch nicht verloren haben. Deshalb bleibt mir von diesem Abend nur eine Gewissheit: Wenn Sprache ernst gemeint ist, dann wird sie wieder politisch. Als Macht, die trägt.
Bhagavad Gita 10.9
मच्चित्ताः मद्गतप्राणाः बोधयन्तः परस्परम्।
कथयन्ति च मां नित्यं तुष्यन्ति च रमन्ति च॥
mac-cittāḥ mad-gata-prāṇāḥ
bodhayantaḥ parasparam
kathayanti ca māṁ nityaṁ
tuṣyanti ca ramanti ca
Mit ihrem Denken in mir,
mit ihrem Atem mir geweiht,
sprechen sie miteinander –
erinnern mich im Anderen,
und finden darin Freude und Erfüllung.
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