Zwischen Festland und Meer – Baltrum. Ein Grenzort

Ein Schritt durch den Sand.
Die Schuhe in der Hand.
Das Watt vor mir. Flach, offen, atmend.
Ich bin angekommen. Oder verloren. Oder beides.

Es beginnt mit einem Geräusch, das keines ist.
Stille. Nicht als Abwesenheit von Klang, sondern als Anwesenheit von Raum.
Ich stehe dort, wo Baltrum endet – wo das Watt die Küste küsst.
Der Wind ist scharf, das Licht unerbittlich klar.
Hinter mir das Dorf. Vor mir der Schlick: weich, weit, wie eine zweite Haut über der Erde.
Alles fließt. Nur ich stehe.

Baltrum ist eine Insel. Aber mehr noch: ein Zwischenraum.
Kein Ort für Eile, kein Ort für Autos. Eine Sandbank, die sich widersetzt.
Sie lebt vom Kommen und Gehen. Vom Gezeitenwechsel. Von ständigen Verschiebungen.
Was gestern war, ist morgen vielleicht fort.
Und doch bleibt Baltrum. Noch.

Inseln im Dazwischen

Ich komme mehrmals im Jahr hierher.
Nicht um Urlaub zu machen, sondern um mich zu erinnern, wer ich bin, wenn die Systeme verstummen.
Baltrum ist mein Seelenort, weil es mich zwingt zuzuhören: dem eigenen Atem, dem Rhythmus der Gezeiten, der Fragilität des Bodens unter meinen Füßen.

Die Insel Baltrum ist weder ganz Land noch ganz Meer.
Wie alle ostfriesischen Inseln ist sie in Bewegung.
Sie wandert, verliert Land, gewinnt neues.
Ihre Form ist flüchtig. Ihre Existenz fragil.
Und doch wird sie bewohnt, geliebt, verteidigt.
Sie ist Bühne und Akteurin zugleich: ein Spielball der Natur und ein Ort gelebter Kultur.

Wie die Insel selbst ist auch das Denken hier ein Ort des Dazwischen:
Zwischen subjektiver Reflexion und öffentlicher Sprache.
Zwischen Analyse und Aufruhr.
Zwischen dem, was war, und dem, was vielleicht noch werden kann.

Was bleibt, wenn alles fließt?

Baltrum ist bedroht.
Vom steigenden Meeresspiegel.
Vom Druck des Ausverkaufs.
Vom ökonomischen und ökologischen Wandel.
Aber auch vom inneren Widerspruch: Rückzugsort zu sein und zugleich geöffnet für Gäste, für Veränderung, für Leben.
Ich glaube, dass Orte wie Baltrum eine Frage an uns richten, die wir nicht länger vertagen dürfen:
Wollen wir bewahren, was uns trägt – oder verlieren, was wir nie besessen haben, aber gebraucht hätten?
Und vielleicht liegt genau in diesem Widerspruch
zwischen Verletzlichkeit und Vitalität
der eigentliche Kern ihres politischen Potenzials.

Die Insel ist ein Ort des Widerstands. Gegen das Vergessen, gegen das Versinken, gegen die Gleichgültigkeit.
Vielleicht ist Baltrum politischer als jede Demo auf festem Land.
Weil hier täglich verhandelt wird, was uns zusammenhält, wenn das Sichtbare schwindet.
Sie organisiert sich, schützt sich, denkt sich neu.
Küstenschutz, Ehrenamt, soziale Innovationen: alles auf engstem Raum, getragen von wenigen Händen.
Was hier geschieht, ist nicht klein. Es ist verdichtet.
Wie unter einem Brennglas: unsere Fragen, unsere Ängste, unsere Hoffnungen.

Baltrum denkt

Baltrum ist nicht nur ein Ort, an dem ich denke.
Die Insel ist ein Ort, der mich denkt.
Ihre Reduziertheit fordert mich heraus.
Keine Autos, kein Tempo, kein Lärm, aber auch keine Ausflüchte.

Vielleicht ist das, was hier geschieht, genau das, was der Soziologe Hartmut Rosa Resonanz nennt:
Eine lebendige Beziehung zur Welt, die mich berührt und verwandelt.
Nicht planbar. Nicht erzwingbar. Aber möglich. Hier.

Der Rhythmus der Gezeiten wird zum Takt meiner Wahrnehmung.
Jeder Weg über das Watt wird zur Frage:
Worauf kann ich gehen, wenn das, was trägt, bald wieder unter Wasser steht?

Viele sagen: Auf Baltrum kommt man bei sich selbst an.
Ich sage: Baltrum ist der Ort, an dem ich mich verliere, um mich neu zu verorten.
Nicht als Rückzug, sondern als Verbindung.
An das, was trägt.
An das, was vergeht.
An das, was jenseits von Kontrolle liegt, aber nicht jenseits von Verantwortung.

Und dann?

Dann verlasse ich die Insel.
Nie ganz. Nie endgültig.
Ich nehme sie mit: in mein Schreiben, in mein Fragen, in mein Pochen auf leise Räume im lauten System.

Vielleicht brauchen wir solche Orte mehr denn je.
Nicht als Fluchtpunkte. Sondern als Möglichkeitsräume.
Zwischen Festland und Meer.
Zwischen Gestern und Morgen.
Zwischen dem, was ist und dem, was werden könnte.

Baltrum zeigt: Ein Ort kann fragil sein und dennoch Kraft spenden.
Er kann sich bewegen und zugleich Halt geben.

Was sich wandelt, muss nicht weichen.

Vielleicht lässt sich das, was Baltrum lehrt, folgendermaßen ausdrücken: Resonanz ist kein Zustand, sondern eine Praxis. Hartmut Rosa nennt es eine „Antwortbeziehung“ zur Welt: ein Hören und Berührtwerden, das uns verwandelt (Rosa 2016). Die politische Ökologie erinnert uns daran, dass diese Beziehung niemals nur menschlich ist: Sie schließt Gezeiten, Sandbänke, Sturmfluten ein – all das, was Bruno Latour „Dingparlamente“ nannte (Latour 2001). Baltrum ist ein solches Parlament. Ein Ort, an dem nicht nur Menschen sprechen, sondern auch das Meer, der Wind, die Erosion. Und wer zuhört, lernt, dass Fragilität keine Schwäche ist. Sie ist die Bedingung des Lebendigen.

2 Kommentare

  1. Wie ganz und gar wunderbar! Du hast Worte gefunden, die sich in meinem Kopf noch nicht geformt haben, in meinem Herzen aber schon lange.
    Diesmal ist es anders: statt der Entschleunigung hat sie mir (zum Teil mit Härte), dass es nicht um Erwartungen, sondern um Sein geht. Ich habe mich gegen den Gedanken (zuerst gegen das Gefühl) gewehrt und war enttäuscht.
    Jetzt bin ich geerdet. Fast. Einen Tag hat sie noch mit mir und ich mit ihr.

    • Liebe Birte,

      deine Worte haben mich tief berührt.

      Es ist ein Geschenk, wenn ein Text nicht nur gelesen, sondern gefühlt wird und dann in einer so persönlichen Weise zurückkommt. Was du beschreibst, klingt wie ein innerer Dialog, der sich weitergeschrieben hat. Ich bin sehr dankbar dafür, dass du diesen Moment mit mir (und mit anderen Leser*innen) teilst.

      Vielleicht ist genau das die Kraft solcher Texte: nicht, dass sie erklären, sondern dass sie etwas berühren, was schon lange in uns arbeitet. Und manchmal braucht es Härte, um zur Essenz zu kommen. Zum „Sein“, wie du schreibst.

      Ich wünsche dir, dass auch dein letzter Tag mit der Insel etwas zum Klingen bringt. Und vielleicht ein neues Flimmern hinterlässt.

      Danke für deine Offenheit. Und für dein Vertrauen in Worte.

      Alles Liebe,
      Sabrina

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